Terror-Jugend im Rüpelwahn

Die Terror-Jugend ist los. Wirklich. Ich habe sie gesehen. Horden von ungehaltenen pubertierenden Zombies, die sich ungeniert kopulierend in öffentlichen Verkehrsmitteln tummeln und sich dämlich wie die Nacht benehmen!

Meine Güte waren wir früher cool, tough und unzähmbar. Wir sind mit zwei gebrochenen Beinen noch Eishockey spielen gegangen, konnten aus unserer Schnötte Blubberblasen machen und wussten uns trotzdem in Gegenwart Erziehungsberechtigter oder anderer Menschen mit entsprechend mehr Lebenserfahrung demütig und wohlerzogen zu verhalten. Kurzum: wir waren geil! (Zur Erläuterung sei gesagt, dass ich zu dieser beneidenswerten Generation gehöre, die OHNE Computer die ersten 15 Jahre seines Lebens zubrachte und mich erst dann diesem modernen Krempel zuwandt … ihr wisst, wie es weitergeht. Es gibt da diesen Text im Netz, der in mehr oder weniger unveränderter Form diese meine Generation in ein korrekt verklärtes Bild setzt.)

Vielleicht sind (große?) Teile meiner Generation aber auch einfach nur sauneidisch auf die Jungspunde, die da nun wie selbstverständlich durch das Leben surfen – und das off- wie online.  Vielleicht müssen wir uns unsere Dinge schönreden? Hätten wir nicht gern Zugang zu all den Infos gehabt, mitverfolgt, was unsere Lieblingsband jetzt gerade treibt oder hemmungslos bei Wikipedia die Hausaufgaben abgeschrieben? Die Mädchen hätten Pierre Cosso gestalkt, die Jungs nach Nacktbildern von Sophie Marceau Ausschau gehalten. Aufklärung bei Jungs und Mädels per Online-Porno hätte vielleicht auch seinen Reiz gehabt, anstatt in düsteren Videotheken in den Schmuddelecken verschämt auf Cover zu glotzen. Ich weiß wovon ich da rede, ich hab mal in ner Videothek gejobbt …

Jaha! #Aufschrei! Entsetzen! Verrohung! Computerspiele lassen die Kids verdummen und Pornos verderben den Charakter!

Meiner Meinung nach ein Irrtum. Wenn Eltern es schaffen ihren Kindern Selbstvertrauen und Moral mit auf den Weg zu geben, dann wissen die Heranwachsenden Susis und Strolche ziemlich genau, was sie dürfen, sollen oder lieber bleiben lassen. Wenn Eltern aber den Kindern mit 12 erlauben die neueste Version von Call of Duty durchzuspielen, dann nutzt der beste Jugendschutz nichts, dann ists Essig. Wenn die Kids aber merken, „hey … hat zwar so seinen Reiz, aber es gibt noch andere Dinge die interessanter sind.“, dann hat man vielleicht ein bisschen was richtig gemacht. Die Gefahr ist also nicht der PeeCee oder das Smartphone, sondern wir selbst und das, was wir den jüngeren Generationen vermitteln oder eben nicht.

Kleiner Sprung …

Zur Zeit lese ich ein Buch (noch nicht durch), dass man sehr kontrovers finden kann. „Wer wir sind und was wir wollen“ von Philipp Riederle.

Der kleine Kacker hat ne ziemlich große Schnauze, um es mal Salopp auszudrücken, daher darf ich mich des gleichen Duktus‘ bedienen … (entschuldige Phillip, falls du das hier mal lesen solltest.) Kurz zusammengefasst beschreibt er, wie cool die Generation Smartphone ist und wie alt, unwissend und rückständig alle davor Geborenen. Den Beweis liefert eine aktuelle Grafik aus dem UDL-Blog.

So geht die Jugend online.
So geht die Jugend online.

Er erklärt, wie selbstverständlich die digitale Welt auch die reale Welt ist und das die Jugend nicht „sucht“ sondern „findet“ – gezielt, strategisch, vernetzend. Und Philipp weiß zu berichten (er hat nämlich Quellenangaben in seinem analogen Ratgeber), dass die digitale Geselligkeit auch zu analoger Geselligkeit führt.

Hoppla! Ist das tatsächlich so? Ich für mich selbst kann nur feststellen, dass mich die Kommunikation über Facebook und Co. tatsächlich kommunikativer in meiner Gesamtheit gemacht hat. Ist das bei euch auch so? Wäre doch schön. Noch schöner wäre es allerdings, wenn Philipp in seinem Buch nicht so pauschalisieren würde:
Jung = schlau & vernetzt & social, Alt (alles über 25) = doof & einsam & Spielverderber. Es gibt nämlich durchaus Menschen über 30, die mit dem Digitalen und dem Analogen gleichermaßen gut zurecht kommen und Kids die sich einen Scheißdreck für Social-Media interessieren. Es ist also kein Geburtsrecht vernetzt und online und damit „always on“ zu sein sondern eine Frage der Neugier und der Offenheit. Vielleicht haben wir alten Säcke und Säckinnen ja sogar einen Vorteil. Wir haben 1-2 Jahre Erfahrung mehr auf dem Buckel und müssen vielleicht daher nicht alles hypen, was blinkt funkelt und für 5 Minuten hipp ist. (toll … das ist jetzt meine Antithese. Haut sie mir um die Ohren, wenn ihr wollt!)

Dieses Video zeigt, dass es uns allen ja irgendwie ähnlich geht, ob ranzig-runzlig, oder geschmeidig-yeah!

Also ein bisschen Entspannung und Toleranz „hüben wie drüben“ und wir stellen vielleicht fest, dass sich alt und jung näher auf einander zubewegen könnten, anstatt sich voneinander zu entfernen. Lernen wir doch lieber voneinander, nehmen beidseitig Ratschläge an. Vom erhobenen Zeigefinger zum Handschlag. Würd mir Spaß machen …

Und damit komme ich dann auch zum Ende meines Beitrags (ein Glück, ich weiß) und möchte mein Eingangs provozierendes Statement ins Gegenteil umkehren.
Während meiner Busfahrten (dank geschrottetem Auto) durfte ich ein wenig die Jugend in freier Wildbahn beobachten. Und siehe da: keine dauerhaftes Smartphonegedaddel im Bus, kein Geschubse und Gepöbel, da wurde sogar für Kleinere Platz gemacht. Man unterhielt sich anstatt sich anzubrüllen und auch die Busse selbst sind wenig vollgeschmiert oder beschädigt. Wenn ich da an mich zurückdenke, was da auf den Busfahrten abging … Chapeau Kids von heute!

Vielleicht ist das auch nur eine Momentaufnahme und naives Kleinstadtleben mitten unter dörflich-rückständigen Menschen. Mir egal. Wenn es euch in den Hiptowns dieser Welt Angst macht in den Bus zu steigen, dann zieht um. Hier ist noch Platz … oder ihr seid alternativ „always on“ und könntet per Facebook um Hilfe rufen. Ihr seht: Digital ist irgendwie schon analog.

 

 

Veröffentlicht von

Sebastian Freitag

Sebastian Freitag, Jahrgang 1975, ist seit 1998 ist verschiedenen Funktionen in der Kommunikationsbranche tätig. Als Mitgründer und -Geschäftsführer der Werbeagentur VON DER SEE berät er Kunden zu den Themen Markenführung, Onlinemarketing und digitalen Strategien. Dies ist Sebastian privater Blog. Eine Sammlung von Gedanken und Dingen, die ihn bewegen.

2 Gedanken zu „Terror-Jugend im Rüpelwahn“

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