#aftersex und der social proof

#aftersex Selfies sind der neueste Trend. Rumgepoppt und danach seiner Umwelt mitteilen: „Wir hams gataaaan, zum allersten Maaaaal…“ (bevor ich zu viel Würgreiz mit meiner ECHT-Performance auslöse stoppe ich an der Stelle). Zumindest sagt das N24 und BILD und BZ und Meedia und … Ihr merkt schon, diese Reihe ließe sich vermutlich quer durch die aktuelle Medienlandschaft fortführen.

Screenshot Google Suche #aftersex
Screenshot Google Suche

13,6 Mio Einträge findet Google, wenn man auf eine detaillierte Suche verzichtet. Wahnsinn, oder? Blöd nur, wenn das Ganze irgendwie gar kein richtiger Trend ist beziehungsweise durch die Medien selbst erst dazu gemacht wird. Denn wer sich mal die Mühe macht Instagram zu durchsuchen, kommt zum jetzigen Zeitpunkt (es ist Freitag, der 04.04.2014 ca. 7 Uhr) auf nicht mal 7.000 Posts, die mit dem ach so trendigen Hashtag #aftersex oder #aftersexselfie getaggt sind. Der totale Wahnsinn oder? Ich vermute, dass #Nusspli geiler läuft.

 

Screenshots Instagram, Suche #aftersex
Screenshots Instagram, Suche #aftersex

Der größte Teil der Fotos hat gar nichts mit dem angeblichen Trend zu tun, sondern springt einfach mal auf den anrollenden Zug auf und tagged um vielleicht mehr Aufrufe zu bekommen. „So Freitag … und was hat das jetzt mit SOCIAL PROOF zu tun?“

Berechtigte Frage. Hierzu muss man mal schauen, was das eigentlich ist, dieses social proof Dings. Social proof könnte man übersetzen mit soziale Bewährtheit. Klingt sperrig, ist es auch und beschreibt die Tatsache, dass wir Menschen dazu neigen uns an anderen Menschen zu orientieren. Bekanntestes Beispiel: In Comedy-Sendungen kommen Lacher vom Band an bestimmten Stellen, die die Autoren als besonders lustig erachten. Wenn also jemand lacht, muss es lustig sein und wir lachen mit, ob wir es nun wirklich lustig finden ist dann die andere Frage. Auch im Marketing macht man sich an jeder Ecke und Kante den Social Proof zu Nutze. Besonders Onlineshops und auch Teile der Anzeigen von Facebook funktionieren nach diesem Prinzip und lösen im Falle von Facebook Ads aktuell Sorgen um Reichweiten und Co aus.

Kundenbewertungen, Screenshot Amazon
Kundenbewertungen, Screenshot Amazon

Wenn also genügend Menschen etwas positiv bewerten oder liken, muss es ja automatisch gut sein. Und da liegt manchmal der Rammler im Gewürzbett. Denn nur weil viele etwas gut finden und gegebenenfalls einer Idee folgen, muss diese Idee noch lange nicht gut sein. Das beweist ein Blick in die Geschichte. Warum machen wir das also? Bin zwar kein Forscher oder Püchologe, habe aber eine Vermutung, die uns in die Steinzeit zurückführt …

Friedhelm, Jupp, Klausi und Horst sind auf der Pirsch. Lecker Mammutrüssel solls heute geben. Tagelang stellen unsere Vorfahren schon der Herde nach und dann passierts … Onkel Säbelzahn kommt vorbei und versaut unseren Helden die Tour. Die Herde Mittagessen ist aufgescheucht und stampft verschreckt und trötend durch die Heide – geradewegs auf die 4 nun nicht mehr ganz so unerschrockenen Protagonisten zu. Friedhelm beginnt die Flucht zu ergreifen, schließlich macht so nen Mammuttritt schrecklich unfotogen. Jupp und Klausi halten das für ne gute Idee und schließen sich an. Nur der Horst schnallt nicht was Sache ist und wird so zu Mouse à la Mammut verarbeitet. Das ist dann wohl natürliche Auslese und die drei übrigen Rabauken haben gelernt: Wenn einer die Flucht ergreift, dann sollten wir mal lieber schnell das Gleiche tun.

Diese überlebenswichtige Erkenntnis hat sich nun also in unseren Hirnen über die Jahrtausende manifestiert und führt dazu, dass wir teilweise herdenähnlich einfach und ohne zu hinterfragen Dinge als gegeben, wichtig, trendy oder erstrebenswert ansehen. Anstatt aus unserer ganz persönlichen Sicht zu beurteilen, ob das nächste Ding tatsächlich für mich von Relevanz ist, kaufen liken und knispen wir das, was unsere Freunde oder einfach nur möglichst viele Menschen gut finden.

Und so bewegen wir uns denn im Hamsterrad oder im Teufelskreis. Eine Nachrichtenseite erklärt eine Banalität zum Trend, die anderen folgen, jetzt ist es Trend, weil ja alle darüber schreiben, also gucken wir User intensiver … wenn es doch alle sehen wollen, muss ja was dran sein. Die ersten finden es nachahmungswert, machen mit und immer mehr Leute springen auf. Der social proof hat zugeschlagen … und wir warten im Prinzip auf den nächsten Herdentrieb zum hinterherlaufen.

Quelle: Pixabay, agriculture
Quelle: Pixabay, agriculture

Wir dürfen also gespannt sein, wie sich der Trend #aftersex Selfies weiterentwickelt und würde mich über eure Meinung freuen.

Demnächst: Teil 2 zum Thema Social Proof

 

Veröffentlicht von

Sebastian Freitag

Sebastian Freitag, Jahrgang 1975, ist seit 1998 ist verschiedenen Funktionen in der Kommunikationsbranche tätig. Als Mitgründer und -Geschäftsführer der Werbeagentur VON DER SEE berät er Kunden zu den Themen Markenführung, Onlinemarketing und digitalen Strategien. Dies ist Sebastian privater Blog. Eine Sammlung von Gedanken und Dingen, die ihn bewegen.

4 Gedanken zu „#aftersex und der social proof“

  1. Ich glaube eigentlich weniger, dass es bei solchen „Trends“ um die Überlegung geht „Wenn alle das machen, dann muss es gut sein.“, sondern vielmehr „wenn alle das machen, dann kriege ich dort Aufmerksamkeit“. Die Selbstdarstellungsgeilheit in sozialen Netzwerken läuft halt permanent Aufmerksamkeit und Reichweite hinterher und da wird einfach jeder noch so wage „Trend“ mitgenommen. Daran ist leider auch ein Stück weit die Social Media Marketing-Industrie schuld (habe ich mir sagen lassen … :X). Aufmerksamkeit um jeden Preis. Und Reichweite. Und organisch soll sie bitte sein. Da ist so ein „#aftersex“ Tag auch mal ganz schnell hinter eine vermeintlich seriöse Werbebotschaft geschrieben :/

    1. Das stimmt Lars … und dabei ist der ganze Content-Social-Hype einfach nur eine weitere Spielart von guter alter Werbung (wenn man es denn auf die Marketing-Ebene beziehen möchte). Wer was zu erzählen hat über sich und sein Angebot, der möge es sinnvoll tun, wer nichts zu erzählen hat, der erfinde einen Hype oder hänge sich an einen dran. 😀

      1. Wobei ich auch da wieder sagen würde, dass sich geschickte und gute Werbung nicht unbedingt mit „auf Hype aufspringen“ beißt. Man kann auch Trends aufgreifen und diese in guter Werbung aufgreifen. Wenn man allerdings ein halbes Jahr nach dem Pharrel – „Happy“ Release als Stadt Koblenz hin geht und ein „Koblenz ist Happy“ Video produziert ist das halt irgendwie auch der Gipel der viralen Lächerlichkeit.

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